Stefan Blachfellner unterstützte den Round Table und das Knowledge Cafe, aus dem 2008 in der Folge ein Open Knowledge Project mit dem klingenden Namen "Change the Game Initative" veröffentlicht werden soll.
Die folgende Mitteilung fasst die gemeinsamen Ergebnisse des ersten Round Tables in Stuttgart zusammen:
Eine Verständigung von Theorie und Praxis
von Rafael Capurro und Yvonne Thorhauer
Peter Lehmann [HdM] eröffnete die Gesprächsrunden mit einer Darstellung der gegenwärtigen Lage von Business Intelligence im Sinne eines, pointiert ausgedrückt, Nachrichtendienstes von Unternehmen. Er umfasst Strategien, Prozesse und Technologien, um handlungsrelevantes Wissen über Status, Potenziale und Perspektiven eines Unternehmens zu erzeugen. Lehmann wies zugleich auf die sozial-ethische Relevanz dieses Themas hin.
Die Praxis wies in diesem Zusammenhang auf die Gefahr einer allzu großen Datengläubigkeit hin, welche Entscheidungsträger von ihren Mitarbeitern entfremde. Ein Controller mahnte: "Wir haben die Welt mit Kennzahlen verkompliziert". Zum anderen ersetze die bloße Ansammlung von Daten die vernünftige Abwägung von Handlungsmöglichkeiten unter Berücksichtigung individualethischer und moralischer Werte. Manche Controller empfinden sich nicht mehr als "Steuermänner" des Unternehmens, sondern vielmehr als bloße "Funktionsagenten".
Unter Moral Intelligence verstanden die Teilnehmer nicht die Instrumentalisierung von Moral für die Unternehmensziele, sondern die Beobachtung unternehmerischen Handelns im Umgang mit eigenem und fremdem Wissen sowie mit der Schnittstelle zu anderen Systemen der Gesellschaft, allem voran zu den Medien. Es sind vor allem die Medien, die das Verhältnis zwischen dem unternehmerischen Umgang mit eigenem und fremdem Wissen und den gesellschaftlich anerkannten Normen – ob formell oder informell - beobachten und entsprechende Werturteile aussprechen. Neben dieser Bedeutung meint Moral Intelligence weiterhin die methodische Reflexion über das moralische Verhalten von Unternehmen im Sinne eines Spezialgebietes der Wirtschaftsethik. Dabei dürfe das moralische Wissen von Intellektuellen beziehungsweise das einer kritischen Öffentlichkeit nicht in der bloßen theoretischen Diskussion verharren, sondern müsse den Dialog mit der Wirtschaftspraxis suchen. Es gelte, ganzheitlichen Citizen Values den Vorrang vor rein nutzenorientierten Consumer Values einzuräumen.
Es wurde deutlich, dass das Spannungsfeld von Business und Moral Intelligence - obwohl von hoher ökonomischer, politischer und sozialer Brisanz - einer wissenschaftlichen Erforschung bedarf, die gegenwärtig kaum wahrgenommen wird. Dementsprechend richteten sich die Gespräche auf eine erste Annäherung sowohl auf der Seite der Praxis, vor allem der Controller in den Unternehmen, als auch auf der der akademischen Forschung, die das Thema erst begrifflich und methodisch abstecken müsste. Dabei zeigte sich u.a. dass eine klare Differenzierung zwischen den gelebten Regeln und Normen eines Unternehmens, die Unternehmensmoral also, von einer methodischen Reflexion darüber, der Unternehmensethik, unterschieden werden muss - wenngleich die Begriffe Ethik und Moral in der Alltagssprache als Synonyme verwendet werden.
Insbesondere in großen Unternehmen, darin waren sich die Teilnehmer des Round Table einig, sei es schwer, die strenge ökonomistische Logik zu durchbrechen. Der Zwang, auf Management-Ebene dem Shareholder Value zu genügen, werde durch Zielvereinbarungen und erfolgsgekoppelte Entlohnungssysteme auf die gesamte Unternehmenshierarchie herunter gebrochen. Indessen sei es für eine Wirtschaftspraxis, die ethischen Maßstäben genügen will, unabdingbar, dass die Unternehmensleitung durch ein entsprechendes Verhalten eine Vorbildfunktion übernimmt. Viele Praktiker erachteten die oft zur Hilfe gezogenen Ethik-Codices als nutzlos, einige von ihnen bezeichneten diese gar als "organisierte Verantwortungslosigkeit". Sie entbinden den Einzelnen von der ethischen Reflexion seiner Handlungen. Den Berührungspunkt von Business und Moral Intelligence sahen die Praktiker vielmehr im Denken und Handeln der Organisationsmitglieder, in einer gelebten Unternehmenskultur, in der nicht allein ökonomische Kennzahlen das entscheidungsrelevante Wissen ausmachen.
Weiterhin müsse eine Business Intelligence, die einen moralischen Anspruch verfolgt, die Werturteile der Medien kritisch und methodisch hinterfragen. Das hätte sowohl für Unternehmen als auch für die Gesellschaft den Vorteil einer objektiveren und ausgewogeneren Sichtweise jener Reibungsflächen, die zurzeit in Talk Shows, Zeitungsberichten sowie auch in vielen Internetforen offenbar werden. Es ist nicht zuletzt dem kommunikationstechnologischen Fortschritt zu verdanken, dass die "Zivilgesellschaft aufholt". Das Internet hat das Mediensystem dereguliert, indem es den Massenmedien die Macht genommen hat. Damit hat der Citizen mehr Möglichkeiten zur Partizipation denn je.
Dieser Chance steht das Risiko gegenüber, dass die von der Business Intelligence gewonnenen Daten nur allzu leicht vielfältig missbraucht werden können. In diesem Zusammenhang wurde unter anderem folgende Aspekte diskutiert: neue Formen der Firmenspionage, die zunehmende Unsicherheit von Geschäftsgeheimnissen, die Frage nach dem ethisch vertretbaren Verhältnis von Geheimhaltung und Veröffentlichung, das veränderte Verhältnis zur eigenen Privatsphäre im Rahmen gigantischer sozialer Internetportale.
Die methodische Umsetzung dieses wissenschaftlichen Vorhabens, Business und Moral Intelligence zu vereinen, wurde in den verschiedenen Gruppen während dieses "Initital Round Table" eingehend besprochen und es bestand Einigkeit darüber, dass dieses Thema sowohl für die Unternehmenspraxis als auch für die wissenschaftlichen Forschung hohe Relevanz besitzt. Dementsprechend vereinbarten die im Haus der Wirtschaft versammelten Experten eine Reihe von Projekten und Veranstaltungen, wozu ein Symposium zu diesem Thema gehört, das von der Hochschule der Medien im Dezember 2008 unter der Leitung von Peter Lehmann und Rafael Capurro veranstaltet wird. Ferner wurde vereinbart, dass ein diesem Thema gewidmetes Spezialheft der International Review of Information Ethics [IRIE] Anfang 2009 erscheinen soll. Es ist außerdem vorgesehen, ein Internetportal zu diesem Thema zu schaffen, um die Kontinuität des Gedankenaustausches zwischen den versammelten Experten zu garantieren.
“The ultimate measure of a man is not where he stands in moments of comfort and convenience, but where he stands at times of challenge and controversy.”